Concrete voyage, Jagdfeldsee - Haar bei München



  
Einführung  


Nichts bleibt immer gleich. Neues entsteht, einstmals Neues altert, wird verdrängt von wiederum Neuem, und fügt sich wie ein sich unendlich veränderndes Mosaik ineinander, zur im Moment und darüber hinaus erfahrbaren Lebenswelt. Nicht nur, dass diese als äußerlich und als Teil des eigenen Lebens erfahrene Umgebung, sei sie städtisch oder ländlich, öffentlich oder privat, ständiger Veränderung unterliegt, auch diejenigen, die in ihr leben und arbeiten, ihren Wegen folgen, sie neu entdecken oder als Vertrautes verinnerlicht haben, sind immer wieder andere, oder andere geworden im Laufe ihres Lebens. Es gibt so viele Perspektiven der Wahrnehmung der Umgebung, wie es Menschen und Momente gibt. Der eine Blickwinkel, die gültige Position, ist nicht möglich.

Wie also umgehen mit einer solchen Vielfalt an Möglichkeiten, die zum Teil gebaute Realität geworden sind, und zum anderen in den Gedanken, Hoffnungen und Wünschen der darin und damit lebenden Menschen liegen?

Ein bewusster künstlerischer Eingriff in dieses Gefüge aus Vorhandenem und Möglichen ist immer auch ein Akt der Balance – der, wenn er gelingt, sowohl Neues als gestaltete Realität manifestiert und gleichzeitig weit darüber hinaus weist, als Angebot, Bekanntes neu und anders wahrzunehmen, sich im wahrsten Sinne des Wortes Neuland zu erobern.

Susanne Pittroffs markante, begehbare Skulptur Concrete Voyage öffnet solch eine neue, inspirierende Perspektive für die Menschen, die am Jagdfeldsee in Haar leben, sich hier aufhalten oder entlang gehen. Nicht nur faktisch, indem der Ebene der bestehenden Terrasse eine räumliche Erweiterung hinzugefügt wird, sondern auch als Brücke in Unbekanntes, als fliegender Teppich, als Sprungbrett in ein überraschend anderes Erleben der vertrauten Umgebung.

Concrete Voyage ist ein Objekt, das zum Groß und Klein zum Entdecken, Spielen und Verweilen einladen soll: Eine große, rechteckige Plattform auf der Terrasse am seegroßen, flachen Wasserbassin ragt schräg ansteigend ein Stück über dieses hinweg. Warmrot leuchtend in der Umgebung aus hellen Bauten und Pflanzen überwindet sie die Begrenzung des künstlichen Ufers, schiebt sich, der Verlockung des Wassers folgend, bis in dessen unerreichbar scheinendes, geheimnisvolles Revier.

Für die Größe der aufsteigenden Plattform wurde bewusst Bezug auf vertraute Dimensionen genommen, sie entspricht mit etwa 45 qm der Fläche einer kleinen Wohnung. Wie unterschiedlich eine solche Fläche innerhalb eines Gebäudes und im Außenraum, ohne begrenzende Wände, wahrgenommen wird, lässt sich beim Begehen der Betonplatte und dessen Beobachtung spielerisch erkunden.

Ebenso spielerisch leicht und gleichzeitig die Fläche strukturierend schwingt sich die Wellenform eines eingearbeiteten Stahlbandes über die Platte, wird zu einer Spur, der man folgen kann, ein kleiner Slalom den roten Hang hinab oder hinauf, und ist gleichzeitig eine Remineszenz an das nahe und darunter schillernde Wasser des Jagdfeldsees.

Die Steigung der Plattform zum Wasser hin sorgt für ein besonders bewusstes Begehen, gilt es doch, den kleinen Höhenunterschied zu überwinden, einen winzigen Gipfel zu erklimmen, um von erhöhter Position aus mit einer geänderten Perspektive auf den See und die umgebenden Häuser belohnt zu werden.

Entdecken oder innehalten, spielen oder verweilen, auf der breiten Fläche gehen, sitzen oder liegen, hinauf oder hinunter, mittendrin, im Gespräch oder still beobachtend – Concrete Voyage wird für jeden immer wieder etwas anderes sein, eines aber gewiss: Ein Ort der Begegnung, nicht nur der Menschen, sondern auch der Realität der Gegenwart mit dem weiten Raum der Fantasie.

Dagmar Schott

Kunsthistorikerin M.A.